Was passiert mit Ihrem Unternehmen, wenn Sie morgen sterben?

Die meisten Unternehmer haben kein Testament, und wer eines hat, hat es selten mit dem Gesellschaftsvertrag abgestimmt. Dabei geht der Gesellschaftsvertrag dem Testament vor. Was das im Ernstfall bedeutet — und was sich in wenigen Wochen regeln lässt.

Lesezeit etwa 4 Minuten Rechtsstand 2026 Von der KSW Legal GmbH Rechtsanwaltsgesellschaft

Die Frage klingt unangenehm, und genau deshalb wird sie verschoben. Dabei ist sie in einer halben Stunde beantwortet — und die Antwort ist für die meisten Unternehmer eine unangenehme Überraschung.

Erste Erkenntnis: Der Gesellschaftsvertrag schlägt das Testament

Wenn Ihr Gesellschaftsvertrag regelt, was mit Ihrem Anteil im Todesfall geschieht, dann gilt das — auch wenn Ihr Testament etwas anderes sagt. Diese Rangfolge überrascht regelmäßig.

Die vier Klauseltypen

Fortsetzungsklausel: Die Gesellschaft wird ohne die Erben fortgesetzt, der Anteil wächst den übrigen Gesellschaftern zu. Die Erben erhalten eine Abfindung.

Einfache Nachfolgeklausel: Alle Erben rücken nach — auch die, die vom Unternehmen nichts verstehen oder nichts wollen.

Qualifizierte Nachfolgeklausel: Nur bestimmte Personen können nachfolgen, etwa Abkömmlinge oder Personen mit bestimmter Qualifikation.

Eintrittsklausel: Ein Dritter erhält das Recht, in die Gesellschaft einzutreten.

Fehlt eine Regelung, gilt bei der GmbH: Der Geschäftsanteil ist frei vererblich. Er geht auf die Erbengemeinschaft über — mit allen Konsequenzen.

Zweite Erkenntnis: Die Erbengemeinschaft ist der Problemfall

Ohne Testament gilt die gesetzliche Erbfolge. Ehegatte und Kinder erben gemeinsam und bilden eine Erbengemeinschaft — eine Gemeinschaft, die einstimmig entscheiden muss und die jeder Beteiligte jederzeit auseinandersetzen kann.

Für ein Unternehmen ist das eine schwierige Konstruktion:

  • Die Erben müssen ihre Rechte in der Gesellschaft gemeinschaftlich ausüben. Bei Uneinigkeit sind sie handlungsunfähig.
  • Jeder Miterbe kann die Auseinandersetzung verlangen — notfalls durch Verkauf.
  • Minderjährige Erben brauchen für viele Entscheidungen die Genehmigung des Familiengerichts. Das dauert und ist nicht immer erfolgreich.

Bei Personengesellschaften kommt hinzu, dass Erben eines persönlich haftenden Gesellschafters unter Umständen in die Haftung einrücken — mit einer Frist von drei Monaten, um in die Stellung eines Kommanditisten zu wechseln oder auszuscheiden.

Dritte Erkenntnis: Pflichtteile treffen den Betrieb

Wer im Testament einzelne Kinder übergeht, um den Betrieb ungeteilt zu übergeben, löst Pflichtteilsansprüche aus — Geldforderungen in Höhe der Hälfte des gesetzlichen Erbteils, sofort fällig.

Bemessungsgrundlage ist der Wert des gesamten Nachlasses, einschließlich des Unternehmens. Bei einem Betrieb, der den größten Teil des Vermögens ausmacht, kann der Pflichtteil eines einzelnen Kindes den Nachfolger zwingen, Substanz zu verkaufen.

Was dagegen hilft

Pflichtteilsverzicht gegen Abfindung, notariell beurkundet — der sauberste Weg, wenn er zu Lebzeiten und im Einvernehmen geregelt wird.

Schenkungen zu Lebzeiten: Sie werden über zehn Jahre abschmelzend angerechnet, jährlich um ein Zehntel weniger. Nach zehn Jahren bleiben sie außer Betracht — bei Schenkungen an den Ehegatten läuft die Frist allerdings erst ab Auflösung der Ehe.

Pflichtteilsstundung nach § 2331a BGB, wenn die sofortige Erfüllung den Erben unbillig hart träfe. Das ist die Notlösung, nicht die Planung.

Was Sie kurzfristig regeln sollten

Diese vier Punkte sind in wenigen Wochen erledigt und wirken sofort:

  1. Gesellschaftsvertrag und Testament abgleichen. Der häufigste Befund in unserer Praxis: Beide existieren, widersprechen sich, und niemand hat es gemerkt.
  2. Vorsorgevollmacht und Notfallregelung. Was passiert bei längerer Krankheit, nicht erst beim Tod? Wer darf Zahlungen freigeben, Verträge unterschreiben, mit der Bank sprechen? Ohne Vollmacht bestellt das Betreuungsgericht — und das dauert Wochen.
  3. Notfallordner. Zugänge zu Konten und Systemen, laufende Verträge, Ansprechpartner bei Bank und Versicherung, Standort wichtiger Unterlagen. In einem Tag angelegt, im Ernstfall unbezahlbar.
  4. Geschäftsführung sichern. Bei einer Ein-Personen-GmbH mit alleinigem Gesellschafter-Geschäftsführer ist die Gesellschaft im Todesfall führungslos, bis die Erben einen neuen Geschäftsführer bestellen. Eine vorsorgliche Bestellung oder eine Regelung im Gesellschaftsvertrag verhindert den Stillstand.

Der steuerliche Teil

Betriebsvermögen kann bei der Erbschaftsteuer weitgehend verschont bleiben — die Verschonung ist aber an Behaltensfristen und die Lohnsummenregelung geknüpft. Wer den Betrieb in den Jahren nach dem Erbfall verkauft oder stark verkleinert, verliert sie rückwirkend.

Die persönlichen Freibeträge lassen sich alle zehn Jahre neu nutzen. Deshalb ist die schrittweise Übertragung zu Lebzeiten steuerlich fast immer günstiger als der Erbfall — vorausgesetzt, man beginnt früh genug.

Hinweis: Zur Erbschaft- und Schenkungsteuer sind derzeit Verfahren beim Bundesverfassungsgericht anhängig. Gestaltungen sollten so angelegt sein, dass sie auch bei einer Änderung der Rechtslage tragen. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Unternehmensnachfolge.

Ein Ablauf, der sich bewährt hat

SchrittDauer
Bestandsaufnahme: Gesellschaftsvertrag, Testament, Güterstand, Vermögensübersicht1 Gespräch
Notfallregelung: Vollmachten, Vertretung, Notfallordner1 bis 2 Wochen
Abstimmung von Gesellschaftsvertrag und letztwilliger Verfügung4 bis 8 Wochen
Steuerliche Optimierung: Freibeträge, Schenkungsstrategie, Verschonunglaufend

Der erste Schritt ist der wichtigste, weil er zeigt, wie dringend die übrigen sind. Bei manchen Mandanten stellt sich heraus, dass alles passt. Bei den meisten nicht.

Häufige Fragen

Ich bin verheiratet, dann erbt doch meine Frau alles?

Nein. Ohne Testament erbt der Ehegatte bei Zugewinngemeinschaft und Kindern die Hälfte, die Kinder teilen sich den Rest. Ihre Frau wäre dann Teil einer Erbengemeinschaft mit den Kindern.

Reicht ein handschriftliches Testament?

Formal ja, wenn es vollständig eigenhändig geschrieben und unterschrieben ist. Bei Unternehmensvermögen raten wir davon ab: Die Abstimmung mit dem Gesellschaftsvertrag, Pflichtteilsfragen und steuerliche Folgen lassen sich in einem selbst verfassten Text kaum sauber abbilden.

Was ist ein Berliner Testament — und passt es für Unternehmer?

Ehegatten setzen sich gegenseitig als Alleinerben ein, die Kinder erben erst nach dem Zweiten. Für Unternehmerfamilien ist es oft ungünstig: Freibeträge der Kinder verfallen im ersten Erbfall, und Pflichtteilsansprüche können trotzdem geltend gemacht werden.

Wie oft sollte ich das prüfen lassen?

Bei jeder wesentlichen Änderung: Heirat, Scheidung, Geburt, Aufnahme eines Gesellschafters, größerer Zukauf oder Verkauf. Ansonsten etwa alle fünf Jahre.

Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine individuelle Beratung. Genannte Beträge und Grenzen entsprechen dem Rechtsstand 2026; maßgeblich für Ihren Fall sind die im jeweiligen Veranlagungszeitraum geltenden Vorschriften. Rechts- und Gesetzesänderungen berücksichtigen wir bei der Bearbeitung Ihres Mandats.